Notizen 3

MariA am 2. Oktober 2007 um 17:38

In Port Richmond, Staten Island, New York gehe ich an einem Haus vorbei, aus dem heraus lautes Hühnergackern zu hören ist. Ich gehe weiter, ich kann nicht glauben, was ich hörte, für Sekunden wähnte ich mich in Peru oder Indien. Das Haus machte einen merkwürdig heruntergekommenen Eindruck, aber ich täuschte mich nicht, es hörte sich wirklich nach Hühnern an. Als ich zurückging, sah ich ein kleines Schild: Hühner – Lebendverkauf.

Die Lektüre von Treichels „Menschenflug“ löst in mir eigene innere Flüge aus. Ein bewegendes Buch, ein Buch, das etwas nach dem Lesen verändert, die Sicht auf bestimmte Dinge ein wenig korrigiert; es ist so lustig-ironisch und so traurig-verzweifelt.

Die „little brown bag“, eine einfache braune Papiertüte, avanciert hier zu besonderer Bedeutung: Die Menschen der Stadt transportieren darin ihr Essen zum nächst besten Park, um dort ihr Mittag zu verspeisen. Bei Bloomingdale’s gibt es eine schicke Variante für ganze achtzehn Dollar.

September 2007

Notizen 2

MariA am 20. September 2007 um 01:31

Immer, wenn ich mit der Staten Island Ferry fahre und auf dem Außendeck sitze oder stehe, sehe ich statt der erwarteten Freiheitsstatue nur Touristen, die sich abwechselnd mit derselben fotografieren. So wie ich, als ich angekommen war. Ich denke an die berühmte Schwester auf dem Gellertberg in Budapest, denn sie kann man von fast jedem Punkt der Stadt sehen.

In Brighton, Brooklyn, New York sehe ich in einer kleinen Nebenstraße einen Buchhändler. Nach einigem Stöbern finde ich etwas für mich, etwas sehr Wichtiges, sehr Schönes: Gedichte von Anna Achmatova und Vladimir Propps “Die historischen Wurzeln des Zaubermärchens” aus einer gewissen Constantine v. Khomutoff-Bibliothek; sogar Google schweigt über diesen Herrn. Bücher sind wirklich manchmal Schätze, manchmal findet man sie sogar auf der Straße.

In einem Supermarkt reden zwei Männer miteinander, was noch einzukaufen ist. Ich beobachte die beiden, wie sie in einem Gewürzregal lange, lange beraten, welchen Zimt sie kaufen wollen. Schließlich entscheiden sie sich, gar keinen zu kaufen. Sie brauchen aber noch FRISCHE Zwiebeln. Ich staune, frische Zwiebeln! Gibt es auch andere?

Macy’s am Herold Square: Viele weibliche Schaufensterpuppen stehen hintereinander und zeigen die neueste Mode, eine Frauenarmee. Die alten hölzernen Rolltreppen finde ich schöner.

Auf einem Friedhof auf Staten Island fahren Menschen mit ihrem Auto an ein Grab. Das habe ich gesehen!

Auch Flaggencontainer habe ich hier gesehen, tatsächlich, für alte, verbrauchte, verschlissene amerikanische Flaggen. Flaggen, denn Fahnen im engeren Sinne – so habe ich gelernt – sind Einzelstücke, die man nicht einfach so austauschen kann.

In einem Bus sehe ich folgende Reklame: „You got an unlegal gun. Next stop prison.“

Die neueste Fingernagelmode: Frauen setzen sich künstliche, aufwendig lackierte Nägel auf den vorderen Rand ihrer echten Nägel. Nägel wie bei einem Yogi. Ich sehe zu, wie eine Frau mit solchen Nägeln große Mühe hat, das Handy aus ihrer kleinen Handtasche zu holen, es aufzuklappen, zu wählen…

In einem Park auf Staten Island müssen Hundehalterinnen und Hundehalter – so wie überall in Amerika – den Kot ihrer geliebten Tierchen in einem Plastikbeutel selbst entsorgen. Aber dass sie auch das Popöchen ihres Lieblings fast zärtlich abputzen, (so gesehen!), kann nur der Ausdruck einer ganz großen Liebe sein.

September 2007

Notizen 1

MariA am 11. September 2007 um 03:55

Der Blue Dot Trail führt mich durch ein Dschungel-Paradies, Bäume, Sträucher, Pflänzchen, alles wächst lianenartig und vieles blüht. Dazu die wunderschönen schwirrenden übergroßen Schmetterlinge und die kleinen weißen, die hier gehäuft vorkommen. Viele große braune aufgeschreckte Vögelchen fliegen vor meinen Schritten und dem Geräusch, welches sie machen, davon. Aber immer nur vier oder fünf Meter weiter landen sie auf den unteren Ästen der Bäume am Wegrand. Geradeso, als wären sie zu neugierig, wer sie denn da aufgescheucht hat.

Das Zirpen der Grillen hört sich an wie eine Kreissäge.

Central Park: Wir kommen ins Gespräch mit einem Inline Skates tanzenden Mann. Auf die Frage, wo wir denn herkommen, oh jeee, from Germany. Wo wir denn wohnen hier in NYC? Wir antworten, er fragt mit stark erhöhter Stimme: From Staten IIIIIIIIsland?

So viele Menschen, die Selbstgespräche führen.

In einem indischen Geschäft in Manhattan möchte ich Bindis, die aufklebbaren Punkte der indischen Frauen, kaufen. Nach einigem Suchen wurde ich fündig. Die indische matronenhafte Lady an der Kasse regte sich auf und schimpfte, dass es in ihrem Laden nichts unter fünf Dollar gebe. Sie habe noch nie etwas unter fünf Dollar verkauft. Ich entschuldigte mich höflich, konnte aber dann doch meine Bindis für 3,50 Dollar erwerben.

Auf dem Coney Island Boardwalk & Beach tanzen halbnackte Frauen, ganz egal welche Figur sie haben.

Eine alte schwarze Frau mit einem ausladenden, übergroßen, zerfransten Strohhut, ausgetretenen Schuhen, einer Brille mit dicken Gläsern trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „Born in the Bronx“.

September 2007

Downtown Staten Island

MariA am 11. September 2007 um 02:49

Gegenüber von Manhattan gelegen, dürstet Staten Island nach einer eigenen Downtown. Damit man aber die Downtown als Besucher der Insel nicht übersieht, stehen, gleich wenn man die berühmte Fähre verlässt, Schilder mit dem Hinweis, dass man sich schon mitten darin befindet.

Staten Island Museum
Interessante alte Fotos mit Reisenden auf der South Ferry. Schuhputzer-Ausrüstung. Ein einziges Schiff, Typ „Miss New York Class“ von 1938, wurde nach einer Frau benannt: Alice Austen. Die Fahrer der South Ferry beschließen entgegen dem Willen der städtischen Obrigkeiten im Jahr 2004, dass keine Fähre mit „9/11“ benannt werden soll.
Monarch – über Wikipedia erfahre ich, was alles ein Monarch sein kann; hier ist es ein schöner, auffallender, für Thüringer Wald/Berlin-Verhältnisse sehr großer Schmetterling, der leider in einem Insektarium aufgespießt ist. Im Wolfe’s Pond Park sah ich glücklicherweise sehr viele lebendige Monarchfalter.
Fasziniert haben mich wieder einmal Gedanken über die Periode der Trias, vor etwa 230 Millionen Jahren, als der Superplanet Pangaeas auseinander gebrochen ist und in Europa die Alpen gefaltet wurden. Es gibt Steine, die können das zeigen! WEGENER, der im Grauen Kloster in meiner Nachbarschaft zur Schule gegangen war, seine Grönlandfahrten, seine Theorien von der Kontinentalverschiebung.
Fluoreszierende Steine, wunderschön. Sie erinnern mich an farbige Saris und an den Film von Henry Levin „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ nach dem Roman von Jules Verne. Ein magnetischer, sehr, sehr schwerer Meteorit. Wo kommt der wohl her?

Show & Tell: Bilder von Cynthia von Buhler
Dea noctu, eine entblößte Brust, Fledermausflügel, Mondgöttin, Göttin bei Nacht. Leukippe, Tochter des Minoerkönigs, wurde zur Strafe in eine Fledermaus verwandelt. Sie und ihre Schwestern wollten sich des Dionysosfestes entziehen, verfielen aber der Raserei und wurden begierig nach Menschenfleisch. Deshalb warfen sie das Los über ihre Kinder und zerstückelten den vom Los betroffenen Hippasos. Schwarze Göttin, nachtaktiv.
Ihr Vater hatte Alzheimer: “The clock in his head is broken but he is still ticking.”
Adam und Eva ganz neu – der Apfel kommt aus Gottes Hand, ein ECHTER Apfel, unglaublich, die Künstlerin erneuert ihn jede Woche. Die Anmerkungen der Künstlerin weisen darauf hin, dass niemand hinein beißen darf, sonst kommt er in die … Sehr interessant ist die Schlange, ein Plastikreptil im Rahmen.
Lavinia Fontana, eine italienische Renaissance-Malerin, entdecken
Ärger ist wie Feuer, er brennt.
Gabrielle d’Estress und ihre Schwester. 1590

Denkmal zum 11. September
Den Eingang zum Park, in dem das Denkmal schon von weitem zu sehen ist, habe ich etwa eine halbe Stunde gesucht, immer entlang einer langweiligen Straße, dann doch aufgegeben. Am 11. September werde ich einen zweiten Versuch starten.

Wandbild
an einem Haus in der Bay Street: Riesengroße Wellensittiche sitzen auf Zweigen und haben im Schnabel Menschenkörper, die mit Armen und Beinen um sich zappeln.

Kaffee und Bücher im „Every thing go“
Der Tee im Café und das Möhren-Ingwer-Muffin sind köstlich. Hinweis über das Brechtforum in Manhattan, auf deren Webseite finde ich die englische Version von:

„Alles wandelt sich

Alles wandelt sich. Neu beginnen
Kannst du mit dem letzten Atemzug.
Aber was geschehen, ist geschehen. Und das Wasser
Das du in den Wein gossest, kannst du
Nicht mehr herausschütten.

Was geschehen, ist geschehen. Das Wasser
Das du in den Wein gossest, kannst du
Nicht mehr herausschütten, aber
Alles wandelt sich. Neu beginnen
Kannst du mit dem letzten Atemzug.

Bertolt Brecht“

An der Bushaltestelle
fragen mich schüchtern drei Inder nach dem Weg zum Great Kills Park; ich schicke sie zum Wolfe’s Pond. Langsam kommen immer mehr Fahrgäste, überwiegend Schwarze. Der Bus fährt sonntags nur zweimal in der Stunde.

Meeressuchen

MariA am 11. September 2007 um 01:54

Wie schwer ist es doch, den richtigen Weg zum Meer zu finden.
Nach Irr- und Umwegen endlich am Ende der Straße riecht man es. Mit jedem Schritt näher kommen, näher riechen, mit jedem Schritt doch finden. Sich auf die Bank setzen und ausruhen, es genießen, mit solch einem gewaltigen trüben Gefährten wie dem Meer allein zu sein. Im Schilf urinieren. Immer wieder riechen und sich in Wind und auf das Meer fallende Sonnenreste verlieben. Wolken türmen sich auf und ziehen dann doch vorbei. Zwei einsame Boote haben festgemacht. Ein Klingelgeräusch ist zu hören, vielleicht von den rückwärts gelegenen, unzählig gleichen Einfamilienhäusern.
Jetzt hält mich nichts mehr. Mit ein paar letzten Schritten gehe ich ans Meer.

August 2007

Möglicherweise ist es so,

MariA am 10. September 2007 um 23:50

daß die Illusion darüber bestimmt, welche Fähigkeiten ich erlangen kann in dieser Nacht.
Rauchverhangene Augenblicke lang suche ich Nähe und Worte von dir. Es tanzen auf deinen Fingern die hinabgefallenen Sterne der Nacht, ich fange sie auf und sammle sie in meiner Hosentasche.

Wenn dich das Moskauer Blut erfrischt hat, du meine geliebte Vampirin,
dann komm zu mir zurück, dein Stimmenlächeln ersehne ich so tief.
Wenn du mich erhörst, schreibe ich weiter von deinen Brüsten, den tanzenden, von all den Haaren, die nur für mich aufgestanden sind.

Möglicherweise singe ich heute Nacht ein Lied von dir.

Möglicherweise ist es so,
daß ein Blick in den Spiegel dich mir zeigt. Doch suchend wehen mir nur blonde Locken und glattgestrichenes Braunes entgegen. Ich empfinde mich zurückziehend in die Welt hinein, die goldgelb gebacken wie dein Camembert ist, und nicht wie Rilkens monden.

Möglicherweise ist es so,
daß du dies alles nicht bemerkst. So geht mein Weg auf den Straßen entlang, die du nicht gehst. Warum bin ich in dein Leben getreten, warum du in das meine? Wirst du umkehren und mich berühren, genau da, wo es heißkalt schlägt? Wirst du bereit sein zu den Schritten hinab in meine Sonnenwelt? Du spürst nicht meine Sehnsucht, weil deine dort geblieben ist, wo Eiskristalle sich verspinnen.

Möglicherweise ist es der letzte Tanz, den meine Füße finden?
Möglicherweise spielt die Kapelle das letzte Lied für mich?
Ewig klingt die Musik.

 Dezember 2002

Indien

MariA am 10. September 2007 um 23:23

1. Teil: Eine Ewigkeit in Agra

Die neuen Sonnenräder werfen die Luft in Wellen.
Blicke passieren Raum und Zeit.
Wenn die fliegenden Wände wachsen,
der Tag erlischt
und die Fenster glänzen,
dann öffnen sich die Türen für Mister Rupie.
Über all dem liegt ein Hauch von Verehrung,
weil der Duft die seltsamen Zeichen am Rande liebkost.

2. Teil: Weib mit Inder
(Zum Bild “Weib mit Inder auf Teppich” von Max Hermann Pechstein, 1910)  

Prinzessinnen verlassen. 

Zuggeschaukelt, gespannt bis in die Haarspitzen, mit beglänzten Schuhen,
kehrte ich zu dem traurigen Prinzen zurück.
Die Nacht selbst warf mich in Tundla aus der keuchenden Kobra.
Nur Schritte trennten mich vom brennnenden Dornbusch in seinen Augen,
auch der Bahnhof sah zu.
Der Jeep und ‘Raja Hindustani’ zerpflückten die Luft.

GesternJetztMorgen webenwebenweben
FingerHändeArme webenwebenweben
HierNirgendsDort webenwebenweben

Tritt herein, sieh nur!

Da liegt eine alabasterkörperne Frau, voller Überraschtsein und Lust,
und verschließt ihren Schoß.
Da steht ein dunkelhäutiger Mann, bekleidet und hungrig,
und öffnet seinen Schoß.

GesternJetztMorgen webenwebenweben
FingerHändeArme webenwebenweben
HierNirgendsDort webenwebenweben

Da liegt im gelben Wüstensand begehrend
der entblößte Mann.
Da steht auf der Insel ängstlich
die verschleierte Frau.

GesternJetztMorgen webenwebenweben
FingerHändeArme webenwebenweben
HierNirgendsDort webenwebenweben

Chamisso flüstert: Es fand sich, was sich paßte.
Nun schweig!
… die Geschichte läuft davon.

Drei Monate in NYC

MariA am 27. August 2007 um 19:22

fernwehsehnsuchtsgestilltes Herz

Triptychon für dich

MariA am 22. August 2007 um 00:08

1 Bei dir

Hallende Schritte
auf labyrinthischen Gängen
zu deiner Seele.

Surrende Stimmen
wispern und klagen
vom Damals und Jetzt.

Das Herz flattert auf weiten
unbekannten Wegen und
prallt an dir ab.

Der Kopf dröhnt
mit knirschenden Zähnen.
Hände verströmen bleierne Fäden
ins Nirgendwo.

Bei einer Tasse Tee öffnet sich
der purpurne Vorhang
für das neue Bild.

Wie die Nachtigallen
entschwinden wir
himmelwärts
am goldenen Ende des Tages.

2 Der Weg zu dir

Sonnentau badet sich
in deinem antlitz
ein tropfen hat sich auf
den weg begeben
deinen körper zu entdecken
er gleitet hinab
an des halses blasser steiler tiefe
sammelt sich
in einer grundweißen schimmernden beuge
pulsiert im kreise
bis er eine blaurote blüte erschaut
weit weit hinab
haftet er sich zu ihr
und an ihren geöffneten blättchen
genießt er
den kühlenden schatten
und den blick von des bergeshöh
munter rollt er
in sanfte pastelltäler
sieht rostene brunnen
verschlossener tiefe
und weiter erquicklich des weges
rastet er unter schwarzen wäldern
bis er im innern des nichts
sich vermischt
mit den farben in Dir.

3 Mit dir

Liebe läßt die Seele verbluten.

Sogar der Löwenzahn
verliert keine
Schirmchen.

Und wenn du singst,
fallen die Wiesen
ins Tal.

Tote wandeln auf
ausgetretnen
Pfaden.

Das Eichhorn sagt
schon gute
Nacht.

- Hände halten -

Die Frau auf der Düne

MariA am 16. August 2007 um 10:07

Es steht eine Frau in weißem langem Kleid auf der Düne am Meer. Der Wind wirbelt den Sand auf, schlägt das Wasser in Wellen. Sie hat Mühe stehen zu bleiben. Es ist sehr verlockend, sich vom Wind davon tragen zu lassen, sich von den Wellen davon spülen zu lassen.

In den Händen hält sie lederne Zügel; sie hält die Zügel so, als ob sie die Pferde antreiben wolle. Keine Pferde sind auf der Düne am Meer.

Kazan 2002